Musik und Achtsamkeit (3): Anfänger bleiben

Musik hat viel mit Expertentum zu tun. Musik machen, hören, darüber schreiben — mit Erfahrung steigt vermeintlich unsere Urteilskraft, unsere Kompetenz, unsere Unterscheidungsfähigkeit. Wir meinen unsere Vorlieben zu kennen, und das Gute vom Schlechten unterscheiden zu können.
Und wir verweben das alles auch mit unserem Selbstkonzept: „Ich bin der, der urteilt“. „Meine Art die Welt zu sehen“.Mic

Wir sehen die Welt für gewöhnlich durch unsere Brille. Nicht genug aber, dass wir dadurch mehr “unsere eigene Sicht der Dinge” als die “Natur der Dinge selbst” erkennen. Die Brille wird auch zu einem Teil unseres Selbstkonzepts, unserer Überzeugungen und Annahmen darüber, wer und wie wir sind. Denn je schicker diese Brille ist, je mehr Aufwand wir betrieben haben, diese Brille zu formen, umso mehr laufen wir Gefahr, die Brille mehr zu lieben als den Gegenstand, den wir damit betrachten. Eitelkeit ist eine Form der Selbst-Verteidigung. Aber keine Form der Erkenntnis.
Shunryu Suzuki sagt: Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten. Im Geist des Experten nur wenige (1).

Was ergibt sich daraus für uns als MusikerInnen?

Als Erstes: Seien wir mutig, unser Urteil nicht zu einem Teil unseres Selbst werden zu lassen. Das ist erstaunlich schwer, besonders wenn unser Job darin besteht zu urteilen.

Als Zweites: Vertrauen wir wieder unserer unmittelbaren Erfahrung. Viele Vertreter der Psychologie sagen, dass wir gar nicht dazu in der Lage sind, die Welt NICHT durch unsere Brille wahrzunehmen (2). Versucht es aber trotzdem mal (die Bewusstseinsforschung ist auf Eurer Seite…!) (3). Immer wieder zurückkehren zur Wahrnehmung: Was nehme ich gerade wahr? Welche Gedanken, Empfindungen, Gefühle gehen damit einher? Welche Bewertungen? Wo bin ich gerade — in der Wahrnehmung oder schon wieder in den automatisierten Gedankenketten meines Urteilens?

Als Drittes: Versteht mich nicht falsch — Ihr müsst jetzt nicht plötzlich alles gut finden was Ihr bislang verabscheut habt. Auch das wäre dann doch wieder nur ein Urteil, oder? Es geht darum, sich der Erfahrung auszusetzen und dabei, wie David Bohm es ausdrückt, die Urteile in der Schwebe zu halten (4). Verstehen erwächst aus Geduld mit dem Gegenstand der Betrachtung. Von Goethe heißt es, er habe seine Naturforschungen so betrieben, dass er sich lange Zeit einfach etwa mit einem Blatt beschäftigte (5).

Also, wenn Ihr das nächste Mal wieder meint etwas genau zu wissen, weil Ihr schon so viel gemacht habt, weil Ihr ja schon mit so tollen Leuten gespielt habt, weil Ihr letzte Woche erst dortunddort wart: Einfach immer wieder von vorne anfangen.

Zurück auf Anfang. Immer wieder. Jeden Moment.

Quellen
(1) Shunryu Suzuki: Zen-Geist Anfänger-Geist. Freiburg, 2012.
(2) Thomas Gilovich, Dale Griffin, & Daniel Kahneman (Eds.): Heuristics and Biases. The Psychology of Intuitive Judgment. Cambridge, 2002
(3) Kirk Warren Brown, J. David Creswell, & Richard M. Ryan (Eds.): Handbook of Mindfulness. Theory, Research, and Practice. New York, 2015.
(4) David Bohm: Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen. Stuttgart, 2011.
(5) Peter Senge, C. Otto Scharmer, Jospeh Jaworski, & Betty Sue Flowers: Presence. Human Purpose and the Field of the Future. New York, 2004.

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