Musik und Achtsamkeit (2): Einfach Hören

Was ist die wichtigste Fähigkeit einer Musikerin oder eines Musikers? Diese Frage hat der französische Gitarrist Pierre Bensusan in einem Interview einmal so beantwortet: Er zeigte auf sein Ohr und sagte „Das Zuhören“.Einfach Hören

Seid Ihr sicher dass Ihr Zuhören könnt? Wird Hören oder Zuhören jemals wirklich unterrichtet? Nun ja, werdet Ihr sagen, ich höre viel Musik, ich mache Gehörbildung, ich analysiere Stücke, usw.

Ich meine etwas anderes. Etwas viel Grundlegenderes. Etwas so Simples, dass wir es oft völlig vergessen. Das wir aber jederzeit wunderbar üben können. Zum Beispiel in den Sommerferien.

„Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war das Zuhören.“ Michael Ende

Hören wird auch an Musikschulen und Akademien behandelt. Aber meistens geht es dabei einerseits um musikalische Hörerfahrungen – also welche Musik man sich anhören soll -, um Heraushören oder Transkribieren etwa von Soli berühmter Musiker, oder auch um hörendes Erkennen von Tönen, Intervallen, Harmonien oder Rhythmen. Das alles hat seinen Platz und hilft uns dabei, „besser“ zu werden. Es hat mit dem Erwerb von Fähigkeiten, Strukturen, Konzepten usw. zu tun. Wie das alles geht, kann man wunderbar lernen und es bringt Euch beim Musikmachen sicher um einiges weiter.

Es geht hier aber um „Einfach Hören“. Wie das geht, bekommen wir glaube ich selten beigebracht.

Dabei ist es etwas, das Musiker selbst immer wieder berichten. „Der hat riesige Ohren“, so sagte zum Beispiel einmal ein Musiker über einen Kollegen, und es schwang Ehrfurcht in seiner Stimme. Ich habe mich schon oft gefragt, ob die „riesigen Ohren“ einfach „nur“ das Ergebnis jahrelangen Analysierens und fundierter „Gehörbildung“ im klassischen Sinne waren. Ich habe das Gefühl, dass das nicht reicht.

Also was ist gemeint?

Mit „Einfach Hören“ meine ich…

…eine ganz wache und offene Haltung zu haben,

…alles, was sich meinem Höreindruck zeigt, wahrzunehmen,

…den Klängen zu folgen, und der Stille zwischen den Klängen,

…und diese Klänge nicht zu bewerten, sondern meine inneren Urteile, Kategorisierungen, Bewertungen usw. zwar anzunehmen, ihnen aber nicht zu folgen, sondern den Fokus einfach auf das Hören zu legen.

Dieses „Einfach Hören“ ist eine ganz wichtige Komponente in der Übung von Achtsamkeit (siehe den letzten Beitrag zu Musik und Achtsamkeit). Und wenn wir uns darin regelmäßig üben, lernen wir auch als Musikerinnen und Musiker offen zu sein für alle Klänge die sich zeigen, und diese Offenheit zu kultivieren. Ist es nicht genau das, was wir für ein freies Musizieren brauchen?

Und: Es ist eine wunderbare Übung für die freie Zeit, zum Beispiel in den Ferien, oder wenn Ihr gerade kein Instrument dabei habt und Euch trotzdem mit Musik beschäftigen wollt. Das Beste dabei ist, dass Ihr dafür überhaupt keine Geräte braucht!

Hier ist die Übung.

1) Setzt Euch hin, oder vielleicht sitzt Ihr schon. Genau jetzt.

2) Lasst für einen Moment alles Tun sein. Einfach da sitzen.

3) Spürt für einen Moment die Offenheit, das ganz offene, aufnahmebereite Gewahrsein.

4) Wenn Ihr wollt, lenkt Eure Aufmerksamkeit für ein paar Augenblicke auf Euren Atem. Einfach spüren, wie Ihr da sitzt und atmet.

5) Während Ihr weiter da sitzt, weiter atmet, achtet auf das, was sich Eurem Bewusstsein an Höreindrücken zeigt. Versucht einfach zu hören. Einfach wahrzunehmen. Die Gedanken, Bewertungen, Vorlieben, Abneigungen, Abschweifungen sind nicht von Bedeutung. Ihr könnt auch sie wahrnehmen, sie benennen („Denken!“) und wieder zum Hören zurückkommen.

6) Bleibt in dem Bewusstsein des Hörens und des Atems für ein paar Minuten.

Wenn Ihr wollt könnt Ihr das regelmäßig üben. Je häufiger, umso besser. An jedem Ort, ob bei einer Reise, einem Stadt- oder Waldspaziergang, oder auch zuhause vorm Schreibtisch. Mit der Zeit werdet Ihr diese Offenheit und das „Einfache Hören“ als ganz natürlich empfinden.

Ich bin gespannt ob es dann Euer Musikmachen beeinflusst. Ihr könnt mir gerne davon berichten!

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