Musik und Achtsamkeit (1): Wir haben keine Knöpfe

Achtsamkeit ist ein Thema, das in vielen Bereichen des Lebens immer mehr an Bedeutung gewinnt und für viele Anwendungen genutzt wird.Wir haben keine Knöpfe Vielleicht können wir durch Achtsamkeit vieles lernen, für die Musik, aber auch für das Leben.

Was ist mit Achtsamkeit gemeint? Wie bei vielen Begriffen gibt es auch hier ein breites Spektrum an Auslegungen und Interpretationen. Ich werde in späteren Artikeln vertiefend darauf eingehen, für den Anfang möchte ich mich auf den amerikanischen Arzt und Autor Dr. Jon Kabat-Zinn berufen:

„Achtsamkeit ist Gewahrsein, das kultiviert wird, indem wir in andauernder und bestimmter Weise aufmerksam sind: Mit Absicht, im gegenwärtigen Moment und ohne Beurteilung.“*

Dabei geht es gar nicht so sehr um ein Konzept, eine Idee, oder eine Theorie, sondern um eine Praxis, eine Übung, ganz gegenwärtig zu sein im Atmen, Fühlen, Hören, und den Strom der Gedanken, der in die Vergangenheit oder die Zukunft gerichtet ist, freundlich zu beobachten, ihn aber auch wieder verwehen zu lassen.

Der Fokus auf den gegenwärtigen Moment ist also ein wichtiger Bestandteil bei Achtsamkeit. Für uns Musiker ist das doch vertraut: Musik entsteht im Moment und sie verschwindet wieder genau so schnell. Genau wie jeder Augenblick, wie jeder Atemzug anders ist das vorherige.

Aber in der Praxis spielen wir oft Musik nicht achtsam. Das Gegenteil von Achtsamkeit beim Musikmachen ist „Spielen auf Knopfdruck“. Was bedeutet das?

Wir haben beim Musiklernen viele Schemata und Skripte gelernt, die wir bei Bedarf abrufen können. Zum Beispiel kann ein Musikstück ein solches Skript sein, oder eine Figur in einem Solo, oder sogar ein ganzes Konzert. Wir können uns das so vorstellen, dass unsere Hauptaufgabe darin besteht, zum richtigen Zeitpunkt den Knopf zu drücken, und dann zu hoffen dass das Skript möglichst ohne Fehler abgespielt wird. Unser Üben ist dann genau darauf ausgerichtet, diese Skripte so optimal wie möglich zu verinnerlichen.

Klingt das bekannt?

Mir fallen gleich eine Menge Beispiele ein:

*Es gibt Schlagzeuger, die sehr stark nach Mustern spielen. Sie hören „Wir spielen jetzt einen Bossa“, dann drücken sie ihren Bossa-Knopf und spielen los, ohne überhaupt noch zuzuhören. Stattdessen schauen sie in den folgenden fünf Minuten nach Mädels im Publikum.

*Du spielst mit einem anderen Musiker ein zweistimmiges Stück. Ihr habt beide vorher gründlich geübt, aber noch nie gemeinsam gespielt. Statt beim Musikmachen aufeinander einzugehen und zu erspüren, wie der andere klingt und wie Ihr gemeinsam klingt, seid Ihr beide damit beschäftigt dem anderen zu sagen, dass er so spielen soll wie Ihr, dass es so und so sein soll und dass der und der auf dieser und jeder CD es aber so gemacht hat.

*Wir haben ein wichtiges Konzert vor uns, und sind deshalb nervös und angespannt. Wir haben viel geübt, so dass wir hoffen unser Skript genau so abrufen zu können wie wir es geprobt haben. Um uns zu motivieren, stellen wir uns vorm Konzert vor, wie toll es sein wird wenn wir hinterher mit einem Cocktail an der Bar stehen werden. Beim Konzert klingt aber alles plötzlich ganz anders, die Akustik ist nicht wie im Proberaum, das Publikum schaut kritisch. Wir denken nur noch an den Cocktail, der aber immer mehr in weite Ferne gerät. Irgendwie geht es schief und der Cocktail fällt flach.

*Manche Lehrer empfehlen beim Lernen von Improvisation, Sequenzen zu üben. Zum Beispiel Tonleitern in Terzen, Quarten, Quinten und so weiter, und diese dann auch rhythmisch zu variieren. Das ist eine gute Methode, um technisch weiter zu kommen, aber sie kann auch dazu führen, dass wir beim Improvisieren einfach auf Knopfdruck Skripte abrufen. Auch hier besteht die Gefahr, dass wir nicht mehr zuhören: Wie klingt diese Figur eigentlich über die Harmonie? Gibt es Stellen mit Spannung, mit Entspannung? Ist das melodisch interessant, könnte ich mitsingen? Phrasiere ich alles gleich oder schaffe ich einen Bogen durch meine Phrasierung?

Statt „Spielen auf Knopfdruck“ könnte man auch sagen „Augen zu und durch“.

Was ist dagegen achtsames Musikmachen?

Ich sage nicht dass wir uns jeden Moment neu erfinden sollen. Wir üben, um Abläufe zu verinnerlichen. Aber wir üben nicht, um unsere Aufmerksamkeit, unser Bewusstsein auszuschalten. Wir sollten üben, um zu lernen immer wacher und bewusster zu sein. Und dabei ganz in der Gegenwart sein, und unsere Bewertungen, Gedanken, Pläne, Maßstäbe, Einstellungen, Vorstellungen, Urteile, und so weiter zwar beobachten, doch sie nicht wichtig nehmen. All diese Gedanken sind wie eine Schrift auf einem See, sie verschwinden wieder, aber der See bleibt. Dann wird jeder Moment wertvoll, auch der bei dem wir scheinbar Fehler machen oder nicht so spielen wie geplant. Dann spüren wir, wie etwas, das wir gelernt haben plötzlich ganz anders und neu klingt, aber es klingt, hier und jetzt, genau so wie es ist.

Das ist die große Herausforderung: Jeder Moment ist wertvoll. Jeder Moment ist Dein Moment. Sei wach und bewusst. Du hast Dich dafür entschieden, jetzt sei auch ganz da.

Wenn wir die Achtsamkeit richtig verstehen, dann geht es hier nicht mehr nur darum, die schönen Momente zu genießen. Denn im Leben gibt es nicht nur schönen Momente, es gibt auch die bei denen etwas schief geht, bei denen wir leiden, bei denen wir mit unangenehmen Zeitgenossen umgeben sind. Auch hier wach und bewusst zu bleiben, das ist achtsames Musikmachen.

Es ist nicht einfach. Und es klappt auch nicht immer. Aber es ist ein Weg, der sich lohnt zu gehen.

Und in weiteren Artikeln werde ich auf Übungsvorschläge zur Achtsamkeit eingehen.

*Kabat-Zinn, J. (2013). Achtsamkeit für Anfänger. Freiburg: Arbor. S. 13

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Ein Gedanke zu „Musik und Achtsamkeit (1): Wir haben keine Knöpfe

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