Psyching Up

Die Zeit unmittelbar vor Auftritten, Konzerten oder Vorspielen ist eine Ausnahmezeit. psyching upWer nicht vor vielen Menschen auftritt, sei es musikalisch oder anders, kann es sich vielleicht gar nicht vorstellen: Der Körper bereitet sich darauf vor, für zwei oder drei Stunden Höchstleistung zu vollbringen, und der Geist versucht es auch. Mit mehr oder weniger Erfolg.

Bei vielen Musikern haben sich Rituale etabliert, die ganz unterschiedlich ausfallen können: Manche essen viel, manche wenig, andere gar nichts, die nächsten geben sich betont gelassen und unterhalten sich mit den Zuhörern, wieder andere spielen sich intensiv warm und so weiter. Nicht selten sind auch verschiedenartige Substanzen mit im Spiel…

Gleich vorweg: Es gibt nicht „die eine“ optimale Vorbereitung auf Konzerte. Dafür sind die Menschen, aber auch die Auftrittssituationen viel zu unterschiedlich. Und im Laufe des Musikerlebens können auch große Schwankungen auftreten. So habe ich vor wenigen Jahren plötzlich angefangen, vor wichtigen Auftritten Fiebersymptome zu bekommen – richtiges Lampenfieber also. Kaum war ich auf der Bühne, war es schon wieder vorbei. Und nach einiger Zeit hat es sich auch wieder gelegt.

Alle Facetten der Vorbereitung auf ein Konzert zu besprechen und dabei auch auf individuelle Bedürfnisse einzugehen – dafür ist hier nicht der Platz. Wer daran Interesse hat, dem biete ich gerne Coaching oder Workshops an. Ich will hier eine kleine Technik vorstellen, die ursprünglich aus der Sportpsychologie stammt und dort sehr erfolgreich eingesetzt wird: Psyching Up.

Zunächst zum Hintergrund. Dazu will ich ein paar landläufige Überzeugungen hinterfragen.

Erste Überzeugung: Entspannt ist immer gut

„Entspannt“ hört sich eigentlich gut an. Aber wer vor einem Auftritt sagt, er sei total entspannt, der erzählt entweder Ammenmärchen oder er hat nicht richtig verstanden um was es für ihn in 20 Minuten gehen wird. Wenn wir an Sport denken, dann wird es eigentlich schnell klar: Wer entspannt ist, der kann keine 100 Meter laufen. Es braucht ein gewisses Maß an Anspannung, sonst können wir keine Leistung erbringen. Wie stark diese Anspannung sein sollte, das hängt auch vor der bevorstehenden Aufgabe ab.

Zweite Überzeugung: Mittlere Anspannung ist gut

Es gibt aber auch ein zu viel an Anspannung. Das kennen wir gut: Wir sind vor (und bei) einem Auftritt so sehr aufgeregt, dass wir das Gefühl haben gar nichts mehr zu können. Genau das besagt die inzwischen recht bekannte Yerkes-Dodson Regel: Für die Erledigung wichtiger Aufgaben ist ein mittleres Maß an Anspannung optimal. Ist die Anspannung zu gering oder zu hoch, fällt die Leistung ab. Es gibt also so etwas wie ein Anspannungs-Optimum.

Das ist ja für uns Musiker nichts Neues. Ein Sitar-Spieler fragte mal den Buddha, wie er meditieren sollte. Buddha sagte: Wie stimmst Du Dein Instrument? Nicht zu fest, nicht zu locker. So sollst Du auch meditieren: Nicht zu fest, nicht zu locker.

Diese Regel ist nützlich, aber auch nicht ganz richtig. Mit der Zeit hat man entdeckt, dass Anspannung nicht gleich Anspannung ist. Man unterscheidet im Wesentlichen zwei Facetten: Die körperliche Anspannung und die mentale Anspannung. Und beide sind oft miteinander verbunden, manchmal auf produktive, manchmal auf unproduktive Weise. Wenn man die Forschungsergebnisse knapp zusammenfassen will, dann könnte man sagen: Körperliche Anspannung darf hoch sein, mentale Anspannung – in diesem Fall vor allem sorgenvolle Gedanken – sollte niedrig sein.

Oft ist es aber doch anders: Während der Körper sich langsam „in Stellung bringt“ – durch eine erhöhte Herzrate zum Beispiel – ist der Geist mit allem beschäftigt, was schief gehen kann, was er nicht kontrollieren kann, und dann nimmt er das Herzklopfen wahr und denkt sich „Ich bin furchtbar aufgeregt“. Das führt dazu, dass das Herzklopfen noch mehr zunimmt. Und der Kreislauf beginnt…

Psyching Up

Hier greift jetzt die Technik des Psyching Up ein. Die Idee dabei ist, körperliche und mentale Prozesse so in Einklang zu bringen, dass sie mich bereit machen für die Auftrittssituation. Dazu gibt es ein paar Methoden, die ineinandergreifen:

Körperliche Aktivierung. Tu etwas, das Deinen Kreislauf antreibt! Zum Beispiel schnelles Treppensteigen. Oder Tanzbewegungen. Der mental-Trick dabei ist, dass das dabei entstehende Herzklopfen nun von Deinem Denken nicht mehr als Nervosität erklärt wird, sondern als „Bereit-Machen“ für den Auftritt. Manche erhöhen auch die Atmungsfrequenz ganz bewusst, indem sie etwas schneller atmen als sonst (nicht hyperventilieren, wohlgemerkt!), was die Sauerstoffversorgung verbessert und so die körperliche Leistungsfähigkeit erhöht.

Mentale Fokussierung. Der Geist schweift gerne ab und tut Dinge, die nichts mit der Aufgabe zu tun haben. Dafür ist hier aber nicht der Platz. Wir wollen uns ganz auf die Aufgabe fokussieren. Dazu helfen auch aktivierende Sätze oder Sprüche, wie zum Beispiel „Zeig’s ihnen“, oder wie ein berühmter Theaterregisseur zu sagen pflegte „Kill them“ (es war, wirklich, nur metaphorisch gemeint). Sehr hilfreich sind auch Bilder, die für Euch passen. Zum Beispiel die Vorstellung, dass Ihr das ganze Publikum umarmt, dass Ihr mit Eurem Instrument fliegt, und so weiter.

Es gibt noch viele andere Möglichkeiten, sich auf einen Auftritt vorzubereiten, und ich werde im Blog sicher wieder auf verschiedene Aspekte zu sprechen kommen. Wichtig ist, dass Ihr die Methoden immer für Euch selbst anpasst, und dass Ihr Eure eigene Erfahrungen macht.

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