Die (Un)Wichtigkeit sozialer Vergleiche

Immer einer besser als Du.“ (Robert Gernhardt)Vergleiche

Wir leben ja in Zeiten des Messwahns. Alles wird im Sinne „besserer Vergleichbarkeit“ quantisiert, also in Zahlen verwandelt, und bereitwillig unterwerfen wir uns den Vorgaben. In welchem Alter hast Du angefangen, Dein Instrument zu lernen? Wie viele CDs hast Du eingespielt? Wie viele Preise gewonnen? Wie viele Kompositionen verfasst? Wie viele Deiner Schüler haben erfolgreich bei „Jugend musiziert“ teilgenommen? Mit wie vielen Grammy-Gewinnern hast Du zusammen auf der Bühne gestanden?

Die Sozialpsychologie sagt: Wir neigen dazu uns mit anderen zu vergleichen (vgl. den Artikel von Mussweiler in den Literaturhinweisen). Besonders dann, wenn wir über unsere eigenen Fähigkeiten, Leistungen, Meinungen, Ansichten, … unsicher sind. Die Frage ist nur, ob diese Vergleiche wirklich sinnvoll sind. Oder sind es nur wenig erfolgreiche Versuche, das Gefühl von Sicherheit in einer unsicheren Welt zu bekommen?

Ich will hier aber über das Musikmachen sprechen. Also: Du lernst ein Instrument, übst, nimmst vielleicht Unterricht, hast Träume wie „Ich will das können“ oder „Ich möchte gerne auf der Bühne stehen“ oder „Ich will einfach nur für mich Freude an der Musik haben“. Das heißt, dass Dir das Musikmachen wichtig ist, dass es für Dich Teil Deines Selbst ist oder werden möchte.

Und wenn etwas für uns wichtig ist, dann möchten wir oft einschätzen können, wie gut wir sind, ob das Üben etwas gebracht hat, ob wir ein Stück auf unserem Weg weiter gekommen sind. Eine wichtige Quelle für diese Einschätzung (neben anderen Quellen) sind andere Menschen. Oder andere Bands oder Ensembles.

Drei Funktionen sozialer Vergleiche

An diesem Punkt beginnen die sozialen Vergleiche. Sie können im Prinzip drei Funktionen erfüllen:

Erstens, uns motivieren. Zum Beispiel wenn jemand ein bisschen besser ist und wir uns sagen: „Das krieg ich auch hin!“. Wir strengen uns mehr an, und vielleicht werden wir dann wirklich besser.

Zweitens, unsere Unsicherheit zu verringern. Das gilt vor allem, wenn wir uns über unsere Meinungen unsicher sind. Dann vergleichen wir, ob andere dieselbe Meinung haben.

Drittens – und das ist hier besonders relevant – sind Vergleiche dazu da, dass wir uns besser fühlen. Unseren Selbstwert steigern. Zum Beispiel wenn jemand schlechter ist und wir uns sagen: „Ich bin besser als er/sie!“. Oder, zum Beispiel, wenn jemand ganz besonders gut ist und wir uns sagen können: „Der war bei mir in der Klasse!“ oder „Bei dem hab ich studiert!“. Das wertet uns auf, gibt uns für einen Augenblick ein gutes Gefühl von Selbstwert.

Vergleiche sind wacklig

Jetzt kommt’s aber: Dieser Vergleiche sind wacklig. Denn wir vergleichen ja nicht systematisch, ausgiebig, genau, akribisch. Nein, wenn wir uns vergleichen, dann sind die Ergebnisse ziemlich ungenau.

Warum? Es gibt eine Reihe von Gründen. Lasst sie mich erläutern.

Erstens: Weil wir uns nur mit denen vergleichen, die gerade für Vergleiche verfügbar sind. Wenn Du bei einem wichtigen Wettbewerb spielst, und vielleicht nur achter wirst, dann kommt es Dir schlecht vor. Aber dass Du nur einer der Wenigen von vielleicht 500 bist, die es überhaupt geschafft haben zu diesem Wettbewerb zu fahren fällt Dir erst einmal nicht ein.

Zweitens sind Vergleiche ungenau, weil sie gar nicht genau sein wollen, sondern sie erfüllen ja eine Funktion: Zum Beispiel uns besser zu fühlen. Das heißt, so genau wollen wir es vielleicht gar nicht wissen. Manchmal verzerren wir sogar die Wirklichkeit, nur um uns besser zu fühlen (manchmal auch um uns schlechter zu fühlen, aber das ist eine andere Geschichte).

Drittens sind Menschen komplex, sehr komplex. Aber wenn wir uns vergleichen, dann suchen wir uns nur eine einzige Dimension aus, auf der wir uns vergleichen. Wir kennen das, wenn wir neidisch sind: Wir sehen vielleicht nur diesen einen einzigen Erfolg des anderen Menschen. Aber seine Geschichte sehen wir nicht. All das drumherum, das Leiden, den Stress, vielleicht seine Angst, und vieles andere mehr. Wir blenden vieles aus, nur um recht zu haben…

Viertens, und das folgt aus dem dritten Punkt, begehen wir einen groben Urteilsfehler: Wir verwechseln die objektive Realität mit der subjektiven Realität. Auch hier ist Neid das beste Beispiel: Wenn wir auf jemanden neidisch sind, dann sehen wir die objektive Realität. Zum Beispiel dass er etwas Wichtiges erreicht hat, oder dass er gelobt wird, oder dass er einen Plattenvertrag bekommen hat, und so weiter und so fort (objektive Realität). Und wir meinen, dass es ihm deswegen besser geht als uns, dass er deswegen glücklicher ist als wir (subjektive Realität). Diese beiden Realitäten sind aber nicht dasselbe. Es gibt nämlich auch die Tendenz, dass Menschen die viel Erfolg haben, eher unglücklicher sind.

Es gibt von Walter Rathenau den Satz „Denken heißt vergleichen“ (steht zumindest so an der Wand der Nürnberger U-Bahn-Station Rathenauplatz). Bei sozialen Vergleichen habe ich oft den Eindruck, dass sie die Bezeichnung „Denken“ nicht verdienen, zumindest wenn wir Denken als Ausdruck von Klugheit und Weisheit verstehen wollen. Bei sozialen Vergleichen denken wir höchstens verkürzt und verengt: Wir blenden aus, biegen zurecht, versteifen uns auf wenige Sachverhalte.

Also: Wir neigen zu Vergleichen, und es kann uns motivieren oder kurzfristig ein Gefühl von Sicherheit und Selbstwert geben. Gleichzeitig zeigt aber auch die Forschung, dass Menschen die sicht sehr häufig mit anderen vergleichen, eher ein schlechtes Selbstwertgefühl haben. Aber gibt es nicht auch andere Wege?

Vorschläge

Ja. Ich habe zwei Vorschläge. Nein, eigentlich drei.

Erster Vorschlag. Wenn wir von sozialen Vergleichen sprechen, sehen wir nur zwei Richtungen: Aufwärts oder abwärts. So rein logisch betrachtet, da fehlt doch was, oder? Ja, nämlich geradeaus. Und zwar nicht in dem Sinne: „Ich vergleiche mich mit jemand, der genau so gut ist wie ich“ sondern „Wir alle sind gleich, weil wir Menschen sind“. Wir sind alle in der Lage, Freude und Glück zu empfinden, Scham und Niedergeschlagenheit. Das macht uns zu Menschen. Und in diesem Sinne ist niemand besser oder schlechter, sondern alle zunächst einmal sind gleich viel wert. Klingt das banal? Ich glaube nicht. Ich habe eher den Eindruck, dass wir diese Haltung viel zu oft in unserem Leben vergessen. Ich will diesen Vorschlag „Das Herz erweitern“ nennen, weil es darum geht Mitgefühl für mich und andere zu entwickeln und zu kultivieren. Wenn also das nächste Mal jemand anderes einen Vorspielwettbewerb gewinnt oder anders erfolgreich ist, probiert doch einfach mal Euch mit ihm oder ihr zu freuen. Einfach so, ohne Hintergedanken. Es fällt einem nicht unbedingt leicht, aber es lohnt sich.

Zweiter Vorschlag. Nennen wir ihn „Das Denken erweitern„. Das vorschnelle, verengte Urteilen ist ein Problem bei Vergleichen. Daher entwickelte die Arbeitsgruppe um Ellen Langer (siehe Literaturhinweise) eine Methode, das Denken in Alternativen zu üben und einzusetzen. Die Übung ist einfach: Die Psychologen präsentieren Sätze über Ereignisse, die auf den ersten Blick negativ erscheinen. Zum Beispiel „Sie haben den Geburtstag Ihrer Mutter vergessen.“ oder „Sie sind bei der Führerscheinprüfung durchgefallen.“ Die Aufgabe ist nun, zu jedem Ereignis einen möglichen Grund aufzuschreiben, wie man das Ereignis auch positiv bewerten kann, wenn man es aus einer anderen Perspektive betrachtet. Wenn man das oft übt, kann es helfen, die eigene Perspektive zu erweitern und gelassener zu werden.

Das bringt mich noch zu einem dritten Vorschlag. Was wäre, wenn wir das Denken selbst einfach nicht mehr so ernst nehmen würden? Wir bilden uns so viel auf unser Urteilen ein. Aber es ist doch oft einseitig und verkürzt. Gelassenheit bedeutet auch, manche Dinge einfach anzunehmen, wie sie sind, und die Einordnung in „gut“ und „schlecht“ einfach mal zu lassen…

Links:

http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/soziale-vergleichsprozesse/14538

Literatur:

Mussweiler, T. (2006). Sozialer Vergleich. In H.-W. Bierhoff & D. Frey (Hrsg.), Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie (S. 103-112). Göttingen: Hogrefe.

Langer, E. J., Delizonna, L., & Pirson, M. (2010). The mindlessness of social comparisons and its effect on creativity. Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, 4(2), 68-74.

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