Verwobenes Üben

Unsere Aufmerksamkeit ist ein sehr wertvolles Gut. Sie ist ein großartiges Werkzeug, wenn wir sie haben und uns einer Sache wirklich fokussiert widmen können, sie kann uns aber auch ebenso schnell wieder zwischen den Fingern zerrinnen. Denn unsere Welt ist voller Ablenkungen.Verwobenes Üben

Wie lange kannst Du Dich einer Sache voll konzentriert widmen? Was schätzt Du? 2 Stunden? 1 Stunde? Eine Minute?

Die psychologische Forschung sagt: Wenn es gut geht, etwa drei Minuten. Danach werden wir unkonzentriert und abgelenkt und wir sollten den Fokus unserer Aufmerksamkeit wechseln.

Nicht viel, oder? Und noch etwas: Um wirklich etwas Neues zu lernen, brauchen wir die Aufmerksamkeit, es geht nicht ohne.

Soll das jetzt heißen dass ich nur drei Minuten Üben soll?

Nicht ganz. Aber fast. Wie üben wir normalerweise? Was sagen Anleitungen zum Üben? Ein typisches Muster, zum Beispiel: 2 Stunden Üben = 4 Sitzungen mit 30 Minuten, mit vier verschiedenen Themen (Tonleitern, Improvisieren, etc.). Wenn Dir das zu viel erscheint, mach 40 Minuten draus, mit vier Blocks à 10 Minuten, die genaue Zahl ist eigentlich egal.

Geblocktes Üben

In der Praxis heißt das meistens: Ich übe ein Stück so oft, bis ich meine es zu können, arbeite ein bisschen an Feinheiten, spiele es dann 1-2 mal durch, und dann gehe ich weiter zum nächsten Stück (oder zum Kaffee), und hoffe mich dann morgen noch daran zu erinnern, was ich eben geübt habe.

Das nennt man „geblocktes“ Üben. Wir unterteilen unsere Übezeit in große Blöcke, in denen wir jeweils unterschiedliche Themen behandeln. Wenn wir jetzt aber die Befunde zur Aufmerksamkeit bedenken, dann könnten wir etwas provokant sagen: Bei vier Blöcken à 30 Minuten üben wir eigentlich nur 4 mal 3 Minuten wirklich richtig, den Rest (4*27=108 Minuten) könnten wir genauso gut bleiben lassen.

Und was wäre, wenn wir die Erkenntnisse zur Aufmerksamkeit ernst nehmen würden?

In der Psychologie des Lernens wird das gemacht. Und das Ergebnis nennt man dann nicht mehr geblocktes Üben, sondern verwobenes Üben. Wie funktioniert das?

Beim geblockten Üben widmen wir uns einer Sache so lange, bis wir meinen sie besser zu können, und danach der anderen:

aaaa bbbb cccc.

Verwobenes Üben

Beim verwobenen Üben geht es anders. Wir teilen unsere Themen in kleinere Blöcke von etwa drei Minuten auf. Und dann wechseln wir zwischen den Blöcken hin und her, zum Beispiel so:

abc bca cab abc.

Wem das zu kompliziert ist, der kann gerne auch

abc abc abc abc

daraus machen, dann wird es aber eventuell wieder zu schematisch und unsere Aufmerksamkeit leidet darunter.

Was soll das bringen? Es gibt mittlerweile eine ganze Menge Forschung, die zeigt dass in vielen Bereichen – Sport, Mathematik, Musik usw. – diese Methode sehr wirkungsvoll ist. Hier ein paar Argumente:

1. Beim Üben selbst kommt es uns schwieriger vor, wenn wir zum Beispiel wieder mit a anfangen, nachdem wir b und c gemacht haben. Beim blockierten Lernen wird uns eigentlich nur vorgegaukelt, dass wir a gut können, weil wir es fünf mal hintereinander gemacht haben. Das Problem: In der Praxis, zum Beispiel einem Konzert, haben wir keine Zeit eine schwierige Stelle fünfmal zu spielen, bevor wir sie vorspielen. Diese schwierige Situation wird durch verwobenes Üben viel besser abgebildet.

2. In Experimenten haben Menschen, die verwobenes Lernen angewendet haben, zwar in der Übungsphase etwas mehr Mühen gehabt, aber dafür in der Testphase meist doppelt so gut abgeschnitten wie die „blockierten“ Lerner.

3. Kurze Pausen: Wenn wir unser Üben in kleinere Abschnitte unterteilen, können wir uns häufiger kleinere Pausen gönnen. Das tut unserer Aufmerksamkeit gut.

4. Sachen, die uns nicht so richtig Laune machen (zum Beispiel Tonleitern?) werden auf diese Art viel angenehmer verpackt, weil wir sie nicht mehr 30 Minuten am Stück büffeln müssen. Ich finde es inzwischen sogar richtig angenehm, Tonleitern in das Üben einzuweben. Die Abwechslung kann Spaß machen.

5. Wir üben viel bewusster, wenn wir uns ausdrücklich über die Bausteine (a, b, c, …) Gedanken machen. Dadurch kann knappe Übezeit auch viel besser genutzt werden.

Ich meine, diese Ideen könnten unser Üben revolutionieren. Natürlich musst Du sie nicht unbedingt ganz strikt und schematisch anwenden, aber ich möchte Dich dazu ermuntern, sie für Dich auszuprobieren. Wichtig ist die Idee, nicht sklavisch an einem Übethema zu hängen, sondern die Themen miteinander zu verweben, immer wieder zu Themen zurück zu kommen. Das hat etwas Tänzerisches, Spielerisches, Kreatives. Und wir können wieder selbst entscheiden, was wir mit unserer Aufmerksamkeit tun wollen.

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