Warum Ziele nicht so wichtig sind

Ziele sind ja in aller Munde. Zielvereinbarungen im Beruf, Ziele setzen beim Üben, Ziele mit der Band…Ziele

Viele Musiker haben Ziele. Manche sind eher klein und bescheiden, andere klingen eher wie große Utopien. Manchmal haben wir auch beides gleichzeitig…

Ich finde, Ziele werden überbewertet. Wir sollten sie sicherlich nicht abschaffen, aber nur dort einsetzen, wo sie von Nutzen sind. Und das sind sie nicht immer. Ich will zuerst meine Kritik etwas genauer darstellen, bevor ich konstruktive Vorschläge mache.

Drei Gründe, warum Ziele nicht so wichtig sind

Zu meiner Kritik an Zielen (oder, besser, an ihrer Überbewertung).

Ziele sind immer negativ

Wenn ich mir ein Ziel setze, beschreibe ich immer einen negativen Zustand. Das heißt, ich kann etwas nicht, möchte es können und der Unterschied zwischen beidem („Ist“ und „Soll“) ist negativ. Wer seine Ziele gut setzt, tut das so dass der Unterschied immer gut handhabbar ist. Das kann ich zum Beispiel durch das Setzen von Zwischen- oder Etappenzielen schaffen. Er bleibt aber immer noch negativ. Ich finde, das ist nicht die schönste Art, sich für etwas zu motivieren.

Was passiert, wenn ich scheitere?

Ziele können erreicht werden oder nicht. Meist machen wir uns über das Scheitern wenig Gedanken. Aber gerade das ist doch spannend! Was passiert wenn ich ein Ziel nicht erreiche? Oftmals ist Enttäuschung die Folge. Im ärgsten Fall gebe ich ganz auf. Ziele bergen die Gefahr, dass wir uns mit ihnen identifizieren, dass wir unser Wohlbefinden davon abhängig machen. Auch nicht die schönste Art, sich zu motivieren. Dabei könnten wir so viel lernen, wenn etwas schief geht!

Ziele vernachlässigen den Moment, das Hier und Jetzt

Ziele sind immer auf die Zukunft gerichtet. Das ist gut, weil es uns in Bewegung setzt, weil wir zu etwas hin wollen. Das ist schlecht, weil wir dabei den Kontakt mit dem gegenwärtigen Moment verlieren können. Und dabei geht es beim Musikmachen doch genau darum. Jeder Moment, jeder Ton, den ich spiele enthält schon das ganze Potenzial. Ich kann in jedem Moment etwas lernen. Wenn ich mein Ziel zu starr setze, kann es passieren dass ich viele Lektionen auf dem Weg gar nicht mitbekomme. Auch nicht wirklich das, was ich als motivierend empfinde.

Drei Vorschläge

Ziele haben manche guten und manche schlechten Seiten. Es gibt viele Anleitungen dazu, wie man Ziele sinnvoll einsetzt (wenn Ihr das noch nicht kennt, könnt Ihr gerne mal nach der „SMART-Methode“ suchen). Aber: Sie sind eben nicht alles, was uns dazu bringt Musik zu machen und dran zu bleiben. Ich schlage drei Ergänzungen vor, die ich persönlich als sehr wichtig empfinde.

Hören und Spüren

Musik machen ist eine Tätigkeit, eine Handlung, die immer im Moment stattfindet. Ich habe schon geschrieben, dass wir diese Handlung aus dem Moment heraus immer wieder in den Mittelpunkt unseres Musizierens stellen können. Wenn wir zu sehr auf zukünftige Ziele fokussiert sind, dann laufen wir Gefahr die eigentliche Musik, die hier und jetzt entsteht, nicht mehr zu hören. Daher schlage ich vor, beim Üben, Spielen, bei allen musikalischen Gelegenheiten immer erst mit dem Zuhören anzufangen. Einen Ton spielen, und ihm ohne Wertung zuhören. Und immer wieder dahin zurückzukommen. Eine ganz einfache, aber sehr wirksame Übung.

Räume schaffen

Viel wichtiger als das Ziel, zu dem ich hin will, ist der Weg, auf den ich mich begebe, und die Richtung, die ich einschlage. Musik bietet die einzigartige Chance, diese Reise bei jedem Schritt zu genießen. Dafür braucht es Räume. Damit meine ich nicht unbedingt den Raum als Zimmer oder Ort, sondern auch den Platz in meiner Zeit, in meinem Tages- und Wochenablauf. Bin ich in der Lage, meinem Üben und Musizieren einen solchen Raum zu geben? Der für mich passend ist, aber zu dem ich mich auch innerlich verpflichtet fühle? Der nur dem Spielen oder Üben gewidmet ist?

Überlege Dir selbst, was Dir wertvoll ist und welchem Tun Du einen Raum geben möchtest. Und dann beginne am besten noch heute damit.

Willst Du vielleicht wieder mehr singen? Was überlegst Du dann: Dass Du Unterricht nehmen müsstest, aber kein Geld dazu hast, dass Du keinen Lehrer findest, usw. — oder dass Du noch heute mit dem Singen anfangen kannst? Vielleicht findet sich dann der Lehrer schneller als Du denkst…

Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen auf einem solchen Weg, in einem solchen Raum unterwegs zu sein. Die Richtung ist dabei viel wichtiger als das Ziel. Noch mehr, die Ziele ergeben sich dann aus dem Tun heraus, können sich aber auch wieder verändern, modifizieren, vergrößern, verkleinern…

Wie Wasser sein

Wenn wir unsere Musik im Tun, im Hören, im Moment verankern, dann entwickeln sich die Ziele daraus wie von selbst. Das Musik machen ist dann eher ein Wert, der uns eine bestimmte Richtung anzeigt, in die wir gehen wollen. Die Ziele leiten sich dann daraus ab. Sie müssen nicht irgendwie „gesetzt“ werden, um uns überhaupt zu motivieren.

Und dann können wir wie Wasser sein: Wasser fließt nach unten, es hat eine Richtung. Und wenn sich etwas in den Weg stellt, dann fließt es drum herum. Wenn wir ein bestimmtes Ziel nicht erreichen, gibt es vielleicht für einen Moment eine kleine Unsicherheit, aber die Bewegung des Wassers geht weiter. Dann ergeben sich sicher neue, andere Ziele. Sie sind aber auch gar nicht mehr so wichtig.

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