Mikroentspannung

Wie geht es Euch, wenn Ihr schwierige Stücke übt, solche die Euch technisch herausfordern? Wie fühlt Ihr Euch bei Auftritten und Konzerten, die stressig sind? Schafft Ihr es, auch in turbulenten Situationen gelassen zu sein?Mikroentspannung

Vor vielen Jahren hatte ich als Gitarrenschüler ein prägendes Erlebnis. Dabei ging es doch nur um eine Kleinigkeit. Ich mühte mich mit einem Stück ab, weil darin einige recht schwierige Griffe vorkamen. Kaum war Griff 1 geschafft, kam schon der nächste, und meine linke Hand fühlte sich nach kurzer Zeit an als hätte ich Holz gehackt. Ich bin sicher, dass, egal auf welchem technischen Niveau Ihr spielt, Ihr auch auf Eurem Instrument schon ähnliche Erlebnisse hattet.

Solche Situationen gibt es ja nicht nur in der Musik. Im „echten“ Leben hetzen wir mitunter von einem Stressmoment zum nächsten, wir meinen uns dauernd anspannen zu müssen. Weil wir denken, wenn wir uns ausruhen, merken wir erst, wie müde und gestresst wir sind.

Was tun? Auf die große Entspannung warten? Das Wochenende, den Jahresurlaub, das Ende des Stückes, der Unterrichtsstunde, des Studiums, das Licht am Ende des Tunnels…?

Sicher, das kann helfen. Ich habe aber auch oft Menschen getroffen, die ständig den Satz auf den Lippen führten „Im Moment ist es etwas stressig, aber wenn XY vorbei ist, wird es wieder ruhiger.“ Was soll ich sagen, es wurde natürlich nicht ruhiger.

Wir müssen uns schon selbst etwas überlegen, wie wir uns auch in Momenten der Anspannung und des Stresses Möglichkeiten der Entspannung und der Erholung schaffen können, hier und jetzt. Nicht erst nach Feierabend oder nach dem Sommersemester.

Im Gitarrenunterricht schlug mir mein Lehrer vor, ich solle einfach auf dem Weg von „Griff 1“ zu „Griff 2“ die Hand entspannen. Für einen winzigen Moment, aber bewusst und gezielt. Und das auch durchaus beim Üben mit-lernen, also genau diese Entspannung einüben.

Diese „Mikroentspannung“ ist eine, wie ich finde, geniale Idee. Auch wenn oder gerade weil sie so einfach erscheint.

Sie ist aber doch gar nicht so einfach. Wichtig ist, aus meiner Sicht, zu wissen was es braucht, um sich zu „mikro-entspannen“. Ich möchte zwei Dinge herausstellen: Erstens das Körperbewusstsein, und zweitens das Üben.

Körperbewusstsein

Mikroentspannung bedeutet nicht, für einen Moment völlig schlaff und schläfrig zu werden. Aus einem solchen Zustand würdet Ihr nur schwer wieder heraus kommen. Wenn Ihr allerdings wiederholt bemerkt, dass Ihr beim Entspannen schlaff und schläfrig werdet, solltet Ihr darüber nachdenken, ob Ihr vielleicht zuerst einmal mehr Schlaf braucht.

Mikroentspannung bedeutet einen gesunden Rhythmus zu haben zwischen An- und Entspannung. Dort Kraft aufzuwenden, wo sie notwendig ist, und dort offen, bewusst, bereit und entspannt zu sein, wo keine Kraft gebraucht wird.

Das Bewusstsein über den eigenen Körper hilft dabei, zu spüren wo im Körper Spannungen sind, und auch die Entspannung (zum Beispiel in der Schulter, der Hand usw.) bewusst wahrzunehmen und zu genießen.

Üben

Dieses Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung und deren bewusste Wahrnehmung kann man üben. Es ist sogar gut sie regelmäßig zu üben, um dann in schwierigen Situationen nicht bei Null anfangen zu müssen.

Ein paar Methoden möchte ich nennen, die sich in der (psychologischen) Praxis gut bewährt haben. Hier also die Vorschläge:

  • PMR

Die Progressive Muskel-Relaxation ist ein Verfahren, bei dem man nach und nach Muskeln anspannt und dann wieder entspannt, und dies bewusst wahrnimmt.

  • Yoga

Im Rahmen des MBSR-Programms (Mindfulness Based Stress Reduction) gibt es Übungen, bei denen man unterschiedliche Dehnungen macht und im Anschluss jeweils ruhig im Körper nachspürt.

  • Qi Gong

Bei Qi Gong handelt sich um einen sehr weit gefassten Begriff aus der traditionellen chinesischen Medizin. Ein wichtiger Bestandteil ist aber das Ausführen von Bewegungen und deren bewusste Wahrnehmung.

  • Meditation

Auch der Begriff Meditation ist sehr weit gefasst. In der psychologischen Praxis ist das bereits erwähnte MBSR-Verfahren gut etabliert. Darin wird zum Beispiel in einer Körperspür-Übung (Body-Scan) der gesamte Körper bewusst wahrgenommen. Das bewusste Wahrnehmen des Atems (geübt in der Atemmediation) ist auch eine sehr hilfreiche Methode, um Ruhepunkte im Stress zu finden.

All diese Verfahren kann man sowohl in Kursen als auch mit CDs lernen und üben. Wichtig ist, für sich etwas zu haben, was in jedem Moment verfügbar ist. Und nicht verzweifeln, wenn es mit der Entspannung nicht immer klappt. Das Leben lässt sich nicht immer vorausplanen…

Es gibt sicher noch mehr, auch gut erprobte Methoden, die ich noch nicht kenne. Für Eure Erfahrungen und Einschätzungen bin ich wie immer dankbar.

Advertisements

2 Gedanken zu „Mikroentspannung

  1. Mate Gaal

    In Künstlerkreisen werden gerne diese Methoden praktiziert (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

    Alexander-Technik: http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander-Technik
    „Dem Unterricht liegt die Annahme zugrunde, dass unsere typischen Verhaltensmuster gehemmt und durch energiesparende, offene, entspannte Reaktionsmuster ersetzt werden können.“

    Feldenkrais-Methode: http://de.wikipedia.org/wiki/Feldenkrais-Methode
    „Nachteilige Bewegungsmuster sollen gelöst und neue Bewegungsalternativen aufgezeigt werden. „

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s