Langeweile für Musiker

„Bass spielen ist nichts für Leute die sich leicht langweilen.“ (Anthony Jackson)Das Zwei-Gläser-Modell

Manche Musiker langweilen sich bei scheinbar einfacher Musik. Oder wenn sie bei einem Auftritt (oder einer Probe) das Gefühl haben, unterfordert zu sein. Und, besonders schlimm, sie lassen es manchmal die anderen auch noch wissen. Dafür gibt es eine Reihe von Strategien: Stänkern, böse schauen, am Handy surfen, aber auch: Die Harmonien verändern und absichtlich komplex spielen, damit die anderen nicht mehr mitkommen, oder umgekehrt absichtlich stupide spielen, und so weiter (wer weiß noch was?). Ich gebe zu: Mir ist das auch schon passiert.

Ich habe eine Hypothese, warum das so ist, und gleich auch noch drei Vorschläge, zum Ausprobieren.

Hypothese

Zuerst zu meiner Hypothese: Stellen wir uns vor, unsere Aufmerksamkeit ist ein Glas, in das nur eine bestimmte Menge Flüssigkeit hineinpasst. Und die Musik, insbesondere unser eigener „Part“, ist diese Flüssigkeit. Es gibt schwere Stücke, die uns besonders technisch und musikalisch fordern und damit unsere Aufmerksamkeit beanspruchen. Da ist das Glas also ziemlich voll (Das linke Glas, Nr. 1, in der Abbildung). Beim Üben sind wir es ja gewohnt, uns meist an der Grenze unserer Fähigkeiten zu bewegen, daher sind wir damit sehr vertraut. Und wenn wir dann beim Üben unaufmerksam, abgelenkt sind, dann merken wir dass wir wenig vom Üben haben. Dann wird unser Glas kleiner oder es tummeln sich darin andere Flüssigkeiten, nur nicht die Musik, und es bleibt nicht genug Platz für das, was wir lernen wollen.

Das heißt, wir beschäftigen uns sehr oft damit, das Glas möglichst voll zu haben, und dabei besonders natürlich mit der Musik, mit der technischen Schwierigkeit des Musikstücks.

Besonders wenn wir aber ein Konzert spielen, oder in vielen anderen Situationen (mir fällt ein: Weihnachtslieder singen; Unterricht mit Anfängern; und was noch?), ist das Glas gar nicht so voll (Das rechte Glas, Nr. 2, in der Abbildung). Das heißt, dass die Musik für uns selbst technisch nicht besonders anspruchsvoll ist.

Die Folge: Wir langweilen uns.

Das ist ziemlich eindimensional, findet Ihr? In Musik geht es doch nicht nur um Technik, sagt Ihr?

Also ich begegne diesem Thema sehr oft.

„Du spielst doch Countrymusik, ist das nicht total langweilig? Da gibt’s doch nur drei Akkorde!“

„Ich bin froh wenn die Adventszeit vorbei ist, ich kann diese Weihnachtslieder nicht mehr hören!“

Und so weiter.

Drei Vorschläge

Nun zu meinem Vorschlag. Oder besser: Zu meinen Vorschlägen. Schauen wir uns das Zwei-Gläser-Modell an. Wenn das Glas fast leer ist, wir uns also langweilen, was können wir dann tun?

Erstens: Wir machen die Musik für uns auf subtile Weise komplexer. Wir können zum Beispiel anfangen, auf Details zu achten, wie etwa Timing. Ich habe nur wenige Noten zu spielen, will mich aber ganz darauf konzentrieren, sie zum richtigen Zeitpunkt zu spielen, damit die Musik gut klingt. Oder Klang: Ich will die Töne so spielen, dass sie in dem Kontext gut klingen, ich kann zum Beispiel den Klang auch auf subtile Weise variieren, verändern, gedämpfter, heller, und so weiter, oder auch kleine Verzierungen der Melodie singen oder spielen. Alles natürlich passend zur Musik.

Zweitens: Wir machen die Musik auf etwas offensichtliche Art komplexer, indem wir mehr spielen, als eigentlich vorgesehen. Zum Beispiel können wir ein Weihnachtslied mit etwas überraschenden Harmonien versorgen. Oder einen neuen, ungewohnten Rhythmus dazu spielen oder die Melodie auf diese Art variieren. Auch hier: Aufpassen! Es besteht immer die Gefahr, „zu viel“ zu spielen und die Musik zuzukleistern.

In diesen beiden Varianten füllen wir sozusagen mehr Flüssigkeit ins Glas. Es gibt aber noch einen anderen Weg, nämlich,

drittens, ehrlich gesagt, der vielleicht schwierigste, aber auch aus meiner Sicht spannendste Vorschlag, der sich aus dem Zwei-Gläser-Modell ergibt. Wir müssen das rechte Glas nicht füllen. Wir können den vielen freien Platz dafür nutzen, aufmerksam zu sein auf das, was um uns herum passiert. Musik ist nämlich mehr als das was „ICH“ zu tun habe und wie schwierig oder leicht mein Part ist. Wen im Publikum interessiert das, außer vielleicht die „Nerds“ — ich meine die anderen Musiker?

Probiert mal aus. Seid mal aufmerksam…

…auf das, was die anderen Musiker spielen (zum Beispiel ganz bewusst hören was der Bass, die Geige, das Klavier etc. macht)

…darauf, wie wir alle zusammen klingen und „grooven“…

…darauf, wie das Publikum auf unsere Musik reagiert…

…auf die Schönheit der Musik…

…auf den Text, die Sprache…

…auf die Gefühle, die die Musik bei mir und den anderen auslöst…

…und auf vieles mehr.

Das klingt jetzt vielleicht überraschend und vielleicht auch etwas „esoterisch“. Aber es ist aus meiner Sicht eine Methode, die uns dazu bringen kann, freier zu spielen. Wenn wir etwas gut können, unser Glas also fast leer ist, haben wir die Chance, richtig Musik zu machen.

Ich freue mich über Eure Beispiele und Erfahrungen.

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Ein Gedanke zu „Langeweile für Musiker

  1. Pingback: Warum Ziele nicht so wichtig sind | psy4mus

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