Klinge wie auf der CD!

Neulich habe ich in einem Heft mit, wie ich finde, sehr gelungenen und guten Etüden im Vorwort gelesen: „Übe diese Etüden so lange bis sie so klingen wie auf der CD“.

Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich Etüden schätze, weil die Autoren sich oft wirklich Gedanken gemacht haben, wie man eine musikalische oder technische Herausforderung in ansprechendes musikalisches Material packt. Und weil sie viele, viele Möglichkeiten bieten, an meinem Spiel zu arbeiten, Dinge auf verschiedene Arten auszuprobieren und mich zu entwickeln.CD

Leider steckt in diesem Vorwort aber etwas, das uns nicht nur in der Musik immer wieder begegnet, und das aus meiner Sicht dem Lernen eher hinderlich ist: Die Suche nach Perfektion.

Auf subtile Weise anders spielen

Ellen Langer von der Harvard University berichtet in ihrem Buch „On Becoming An Artist“ von einer kleinen, aber interessanten Studie. Sie gab einem Symphonieorchester den Auftrag, ein ihnen sehr vertrautes Musikstück (das Finale aus Brahms‘ Symphonie Nr. 1) auf zwei Arten zu spielen: Zuerst sollten sie versuchen, ihre beste Interpretation der Musik wieder zu erschaffen, so gut sie konnten. In der zweiten Variante sollten sie die Musik für sie neu wirken und entstehen lassen, indem sie sie auf subtile Weise anders spielten. Anschließend befragte sie die Musiker, und spielte die Aufnahmen verschiedenen Menschen vor. Die Reaktion war laut Ellen Langer ziemlich deutlich: So hörten über 90 Prozent Unterschiede in den Aufnahmen, und über 80 Prozent bevorzugten die zweite Variante.

Eine simple Idee mit einer großen Tragweite. Bemerkenswert ist, dass die Musiker nicht anfangen sollten, das Werk komplett anders zu spielen („Brahms goes Elektro“ oder so ähnlich). Das wäre nicht subtil. Subtile Variation bedeutet, aufmerksam, fokussiert zu sein, aber nicht im Sinne von „ich will dass es so klingt wie auf der CD“, sondern im Sinne von „ich bin aufmerksam auf die Musik, wie sie gerade entsteht“.

Es gibt also einen alternativen Weg zur Perfektion: Beim Üben statt Geradlinigkeit die Deviation, das Mäandern, das Ausprobieren, die Vielfalt, die fokussierte Aufmerksamkeit. Anstatt dem „einen“ Klang hinterher zu rennen und ihn als einziges Ideal zu empfinden, sich ganz bewusst darin üben ganz viele verschiedene Klänge zu spielen.

Und wenn es dann in der Aufführungssituation darum geht, tatsächlich auf eine bestimmte Art zu klingen – was ja durchaus manchmal notwendig und angebracht ist – dann kann ich das mit viel größerer Freiheit tun, in der Gewissheit, dass ich auf einem breiten, fruchtbaren Bode stehe.

Und ich habe den Eindruck, dass die anderen – Musiker, Ensembleleiter, das Publikum – gerade diese Freiheit spüren. Wir haben Antennen dafür, ob der andere Mensch frei ist oder ob er gefangen ist. Oder etwa nicht? Ich freue mich auf Eure Rückmeldungen.

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